Kurzkommentar
des Vorsitzenden der Liberalen Gesellschaft in Bremen, Horst-Jürgen Lahmann, zu dem Angriff des vorgesehenen Referenten Henryk M. Broder während der Abstimmung des Einladungstextes zur Veranstaltung „Political Correctness“ (Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Deutschland) am 22. November oder am 8. Dezember 2011 im Bremer Presse-Club:
Henryk M. Broder – politisch unkorrekt!
Was ist bloß in ihn gefahren? Mit seiner abwegigen Polemik bestätigt er geradezu das „politisch korrekte“ Verbot der Kritik an den Nachkommen einer Glaubensgemeinschaft, die vor mehr als zwei Generationen im nationalsozialistisch beherrschten Deutschland brutal verfolgt worden ist, woran wir Nachgeborenen zwar keine Schuld tragen, für die wir aber eine bleibende Mitverantwortung empfinden. Broder gehört doch sonst nicht zu den Schützen von Eigentoren, sondern gefällt sich im Fernsehen nach eigener Charakterisierung ausdrücklich als Atheist, aber kultureller Jude und bekannter „Nestbeschmutzer“. Jedenfalls war es nicht korrekt, sondern unredlich, mir nach meinem jahrelangem Engagement im Bremen-Haifa-Fonds mit vielen unterstützenden Israelbesuchen blindlings bösartige Vorurteile zu unterstellen und sie wider besseres Wissen im Internet öffentlich zu machen, als der Entwurf des Einladungstextes sich noch mitten in der Abstimmung zwischen der Liberalen Gesellschaft und ihm befand und sie schon ein anderes Beispiel für Sprechverbote in Deutschland angeboten hatte. Das gehört sich auch für einen geschätzten scharfzüngigen Dampfplauderer nicht.
Fiel ihm just nichts anderes ein, worüber er sich aufregen konnte? Seine Schlußfrage zeigt: Er wollte die Liberalen unfair angehen, wie es gerade populär ist. Ein billiges Foul, Herr Broder. Gelb-rote Karte!
Anmerkung: Das Thema wird mit oder ohne Herrn Broder trotzdem behandelt werden. Alle Interessenten sind wie immer herzlich zur kritischen Diskussion eingeladen.
Der Begleittext lautet übrigens inzwischen:
Juden darf man in Deutschland nicht kritisieren. Wer verfassungswidrige Unterdrückung in muslimisch geprägten Wohngebieten rügt, wird zur unerwünschten Person erklärt und muß mit einem Parteiausschlußverfahren rechnen, jedenfalls wenn er SPD-Mitglied ist. Neoliberalismus ist verbrannt, obwohl er eine weltweit erfolgreiche Fortentwicklung des Manchesterkapitalismus mit freien Märkten und starkem Staat ist. Wagt jemand, nachgewiesene Mißbräuche bei Hartz-4-Empfängern und eine irreleitende Sozialpolitik mit spätrömischer Dekadenz zu vergleichen, so wird er gnadenlos angeprangert, fast geteert und gefedert. Und wenn Abgeordnete wegen der sichtbaren Risiken gegen den Euro-Rettungsschirm stimmen, werden sie öffentlich beleidigt und mit dem politischen Tod bedroht.
Dabei ist die Meinungsfreiheit nach Artikel 5 unseres Grundgesetzes („Eine Zensur findet nicht statt.“) nicht nur ein unmittelbar geltendes Grundrecht, sondern d i e herausragende Errungenschaft des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats. Wie Mehltau aber hat die political correctness sie in der Praxis bis zur Unkenntlichkeit überzogen. George Orwell hatte vor dieser Gefahr schon in „1984“ treffend gewarnt.
Kann ein Volk tatsächlich nur mit Denk- und Sprechverboten, mit Tabus kleineren und größeren Ausmaßes friedlich leben? Oder ist in Wirklichkeit das eherne Recht des Protestes und der Abweichler vom Mainstream gefährdet, an dem einmal die Qualität der Demokratie gemessen wurde? Gilt die Achtung vor der Minderheit von heute nicht mehr, die zur Mehrheit von morgen werden kann?
Letzlich beweist die Entwicklung, daß die Freiheit fortwährend bedroht ist und täglich neu erkämpft werden muß. Was immer für „politisch korrekt“ gehalten wird: Wir müssen wieder mehr Mut zur Wahrheit fassen. Vielleicht nähern wir uns in der Diskussion auch der Gewißheit, daß wir in Deutschland immer noch eine Partei brauchen, die ihre Politik stets und entschieden an der Freiheit des Einzelnen ausrichten sollte.